Hanf - das Kraut, das die Schizophrenie verdeckt
Die Diagnose Schizophrenie wäre einfach zu handhaben, gäbe es da nicht die störende Tatsache, dass 60% der Erkrankten sehr viel Haschisch konsumieren (1). Eine oberflächliche Antwort auf dieses Problem könnte darin bestehen, dass man die Krankheit auf den Haschischkonsum zurückführt. Aber es fände sich kein Psychiater, der das bestätigen würde. Die Untersuchungen von Konsumentengruppen in den letzten Jahrzehnten haben zur Genüge bewiesen, dass gelegentlicher und mässiger Konsum von Hanfprodukten kein Risiko beinhaltet, wenn nicht zusätzlich Alkohol und gewisse Medikamente eingenommen werden.
Die häufig ausgelöste Euphorie durch den Hanfkonsum hat eine grosse Ähnlichkeit mit derjenigen gewisser medikamentöser Behandlungen. Nur ist es so, dass Haschisch auf anderen Wegen zum Konsumenten gelangt als Medikamente. Im Fall der Medikamente haben wir es mit der offiziellen, technisch-kommerziell orientierten Kultur zu tun, bei den Hanfprodukten aber mit einer Subkultur, wo das Medikament, die chemische Substanz eine ganz andere Bedeutung hat. Durch das Haschisch werden im Gehirn genau die selben Wirkungen ausgelöst wie mit gewissen, bei den Konsumenten so beliebten Antidepressiva. So ist die biochemische Wirkung zwar bei allen gleich, doch wird sie, je nach dem sozialem Kontext, ganz anders gedeutet. Man weiss, dass eine gesellschaftliche Vorstellung genau so stark auf unsere Gefühle wirken kann wie eine chemische Substanz. Die Substanz an sich und das Reden über die Substanz und ihre Bedeutung haben beide dieselbe Wirkung auf das Gehirn: sie können Affekte wie Zuneigung und Ablehnung erwecken. Daher auch die grosse Lust auf Hanf unter den Schizophrenen: es macht Spass (95%), entspannt (81%), wirkt gegen Depressionen (71%), macht schlapp (67%), bewirkt einen längeren Abstand zwischen Angstanfällen (57%) und verminderte Resistenz gegen Infektionen (71%). Ausserdem ist der Hanf teuer (86%) und wird von einer Umgebung missbilligt (85%), die mit diesem Verhalten zum Gefühl des Verfolgungswahnes beiträgt (71%)... (2) (3).
So verbinden sich gegensätzliche Faktoren, biochemische und soziale, zu einer gemeinsamen Wirkung. Einerseits werden Symptome wie Ängste und Depressionen gelindert, andererseits wird eine Verschlechterungen der Lage herbeigeführt, insbesondere was die Widerstandskraft, die Gedächtnisstörungen und Halluzinationen betrifft. Die emotionale Entspannung ist für die Betroffenen jedoch so gross, dass die weniger angenehmen Wirkungen nebensächlich sind, umso mehr, als der Konsum von Hanf in diesem Fall sozusagen eine sozial integrierende Wirkung hat. Ein Schizophreniekranker aus sozial angepassten Milieu, d.h. ohne Kontakt zur Hanf-Subkultur, wird zwangsläufig mit den Therapien behandelt werden, die in der Psychiatrie und den psychiatrischen Kliniken üblich sind und so zu einer gewissen sozialen Anpassung gelangen. Als Schizophrener unter Hanfkonsumenten würden wird er sich dank der chemischen Wirkung des Hanfes nicht nur besser fühlen, sondern auch einen entspannteren Umgang mit seinen Freunden pflegen können. Und falls eine Verschlimmerung seiner Wahnvorstellungen und Halluzinationen einträte, würde man dies ohnehin dem Hanfkonsum zuschreiben. Fazit: in dem Masse wie sich ein schizophrener Hanfkonsument als Aussenseiter sieht wird er sich nicht als Schizophrener fühlen.
Directeur d’enseignement an der medizinischen Fakultät der Universität Marseille und der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Toulon.
Bücher:
"L’ensorcellement du monde"; "Un merveilleux malheur"; "Les nourritures affectives". Editions Odile Jacob.
Weiterführende Literatur:
1. P. Basard, " Paradigmes artificiels: haschisch et hallucinations ". Actes de médecine internationale, Psychiatrie, 15, no 207, février 1998
2. J. Addington, V. Duchat, "Reasons for substance use in schizophrenia", Acta Psychiatrica Scandinavia, 96, 329-999, 1997E
3. Zarifian, " Des paradis plein la tête ". Editions Odile Jacob, 1994










